8 achtsame Fragen an Doris Kirch 

Achtsamkeitstrainerin Doris Kirch erzählt im Interview, wie sie zur Achtsamkeit kam.

Doris Kirch ist eine Ikone der Achtsamkeit. Anders kann man es nicht sagen. Als Gründerin und Leiterin des Deutschen Fachzentrums für Achtsamkeit (DFME) und zugleich Urheberin und Dozentin der Ausbildung zum Trainer für Achtsamkeit, Resilienz und Selbstmitgefühl gilt sie als Deutschlands bekannteste Achtsamkeitslehrerin und Ausbilderin. TheCalmBase durfte ein Interview zum Thema Achtsamkeit führen und 8 achtsame Fragen an Doris Kirch stellen.

Bereits seit 1985 praktiziert Doris buddhistisches Zen, Vipassana und Achtsamkeit. Sie absolvierte zahlreiche Ausbildungen und Retreats bei namhaften Lehrern, unter anderem bei Jon Kabat-Zinn in den USA. Für das DFME schreibt Doris regelmäßig Blogbeiträge, entwickelt fortlaufend Ausbildungsinhalte weiter und gibt Achtsamkeitstage, Wochenend-Auszeiten in Achtsamkeit und Schweigen sowie Achtsamkeits-Retreats und MBSR-Kurse. In mehreren Büchern hat die Expertin ihr Fachwissen und ihre jahrelange Erfahrung im Bereich Stress und Stressbewältigung zu alltagstauglichen Methoden zusammengefasst.

1  Als absolute Achtsamkeits-Ikone beschäftigst du dich bereits seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema. Weißt du noch wie oder warum du zur Achtsamkeit gekommen bist?

Doris: Ob ich eine “Ikone” bin, weiß ich nicht, aber wenn man etwas lange und gut macht, erlangt man wohl einen gewissen Bekanntheitsgrad. Zur Achtsamkeit kam ich über den Buddhismus, der mir 1985 begegnete. Wer dem buddhistischen Weg ernsthaft folgt, der kommt unvermeidlich mit den Lehrreden des Buddha in Kontakt, den sogenannten Suttas. Und hier ist es die Satipatthana-Sutta, die die Anweisungen zur rechten Achtsamkeit enthält. Wirklich amüsant ist jedoch meine erste Begegnung mit dem Buddhismus. Meine Freundin erzählte mir damals eines Tages von einem Zen-Sesshin, von dem sie durch einen Aushang in ihrer Yogaschule erfahren hatte. Ihre Frage, ob ich wüsste, was das sei, musste ich verneinen. Aber weil die drei Tage nur 160 DM kosteten, beschlossen wir, das mal “auszuprobieren”. Während des “Ausprobierens” in Form von stundenlangem, bewegungslosem Sitzen in Meditationshaltung, war ich ernüchtert und total angenervt und schwor mir, mir so etwas nie wieder anzutun. Aber diejenige, die das Sesshin verließ, war nicht mehr dieselbe, die es betreten hatte. Etwas in mir war zum Leben erwacht. Ich habe den Weg des Buddha, der Meditation und Achtsamkeitspraxis nie mehr verlassen – und schließlich auch zu meinem Hauptberuf gemacht.

2  Wie schaffst du es, bei deinem intensiven Arbeitsumfang und den zahlreichen und vielseitigen Tätigkeiten nicht im Stress zu versinken? Verrate uns dein Geheimnis.

Doris: Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Auch bei mir tauchen manchmal Stressgefühle auf. Gewöhnlich dann, wenn in zu kurzer Zeit zu viel auf mich einstürzt. Aber das sind meist nur kurze Momente. Im Allgemeinen habe ich wenig Stress, weil ich eine große Befriedigung und Freude aus meiner Arbeit ziehe. Mein Arbeitsumfeld und meine Arbeitsbedingungen habe ich über die Jahre meinen Bedürfnissen entsprechend gestaltet. Außerdem geht ein achtsamer Geist mit vielen Dingen anders um, als ein ungeübter Geist. Er ist nicht so anfällig für Stress.

3  Was macht dich glücklich? Woraus schöpfst du Kraft?

Doris: Mich macht eigentlich alles glücklich, bei dem ich mit vollem Herzen dabei bin. Ich kann mich auch über Kleinigkeiten sehr freuen. Kraft schöpfe ich aus Stille, Schweigen, Meditation und dem Lesen von Gedichten und buddhistischen Schriften. Viel Kraft geben mir die Natur und die Arbeit in meinem großen Garten, und ich koche gerne, alleine oder mit anderen. Kraft und Glück finde ich vor allem im Zusammensein mit meinen Kindern und Enkeln. Meine Familie bedeutet mir viel.

4  Wie gehst du mit Rückschlägen oder Misserfolgen um? Hast du wertvolle Tipps für uns?

Doris: Einer der Vorteile eines achtsamen Geistes ist die weitgehende Abwesenheit gedanklicher Konzepte. Begriffe wie Rückschläge oder Misserfolge gehören für mich in diese Kategorie. Es gibt für mich Handlungen und Resultate. Dass sich Dinge nicht immer entfalten, wie vorgesehen, ist für mich ein völlig natürlicher Vorgang. Es ist wichtig, seinen Weg entspannt zu gehen. Wenn ein Weg nicht geht, dann geht ein anderer.

5  Welchen Rat würdest du deinem 18-jährigen Ich geben?

Doris: Hüte dich vor Menschen, die dir Ratschläge geben wollen.

6  Wie oder wobei kannst du am besten entspannen? 
 


Doris: Beim Fernsehen (Rosamunde-Pilcher), bei der Gartenarbeit und bei einem gepflegten Single Malt.

7  Verrätst du uns, wie man Stresssituationen vermeiden kann?

Doris: Es ist wichtig zu verstehen, dass man Stresssituationen gar nicht vermeiden kann. Das Leben ist so angelegt, dass wir nicht immer kriegen, was wir wollen und brauchen – aber manchmal kriegen, was wir nicht wollen und nicht brauchen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen, wenn so etwas passiert. Ein achtsamer Geist ist hier klar im Vorteil, weil er sieht, was geschieht, während es geschieht und weil er über die Fähigkeit verfügt, aus sich aufschaukelnden Dramen auszusteigen. Achtsamkeitsmeditation sorgt langfristig dafür, weniger oft gestresst zu sein und wenn es doch einmal geschieht, schneller wieder aus stressenden Situationen herauszukommen. Das hängt zum Beispiel mit den Wirkungen zusammen, die die Meditation auf das Gehirn hat. Wissenschaftlich wurde festgestellt, dass sich die Amygdala durch regelmäßiges Meditieren verkleinert. Die Amygdala ist sozusagen die Alarmglocke im Gehirn, die in Stresssituationen die Generalmobilmachung einleitet. Je öfter sie aktiviert wird, desto größer wird sie und desto schneller springt sie auf jeden unangenehmen Reiz an. Meditation beruhigt die Amygdala. Dadurch verkleinert sie sich im Laufe der Zeit und wird weniger anfällig für Stressreize. Das Ergebnis ist ein stressresistenter Mensch.
Das ist natürlich sehr vereinfacht ausgedrückt.

Fakt ist: Wir können Stresssituationen nicht vermeiden aber wir können durch Achtsamkeit lernen, unser Denken, Fühlen und Handeln so zu steuern, dass wir geschmeidiger mit Stress umgehen.

8  Welches Medium empfiehlst du uns zum Thema Achtsamkeit?

Doris: Viele ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Fachbeiträge rund um Achtsamkeit finden sich im Achtsamkeitsblog auf unserer Website. Eine wirklich sehr gute App für die Praxis der Achtsamkeit ist die Mindfulness App. Buchempfehlungen hängen immer davon ab, wo jemand steht. Einem Ungeübten würde ich das Buch Im Alltag Ruhe finden von Jon Kabat-Zinn empfehlen; einem Fortgeschrittenen die Bücher der Achtsamkeitslehrer Jack Kornfield, Sharon Salzberg, Josef Goldstein und Tara Brach. Wer auch darüber hinaus ist, sollte direkt in das Studium der buddhistischen Lehre einsteigen, um all dieses Wissen an seinen Wurzeln zu studieren.

Das Team von TheCalmBase möchte sich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei Doris Kirch bedanken. Trotz vollem Terminkalender und zahlreichen Anfragen für Gespräche und Interviews, hat sie sich die Zeit genommen, um uns einige Fragen zu beantworten. 

Tipp: Wer neugierig geworden ist und sich einen kleinen Überblick über das Thema Achtsamkeit verschaffen möchte, dem können wir den Artikel “Achtsamkeit: Leben im Hier und Jetzt”, erschienen im digitalen Magazin von Primal State empfehlen.

Foto: privat

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